Transpersonale Aspekte in der Neurobiologie

 

Harald Piron, Köln

 

Zusammenfassung

In diesem Artikel werden die Möglichkeiten und Grenzen der Neurobiologie für die Erforschung des Bewusstseins diskutiert. Erkenntnistheoretische Irrtümer können zu absurden Schlussfolgerungen führen. Transpersonal orientierte und achtsame Neurobiologen zeigen jedoch ein Verständnis, das die Dimension des Bewusstseins nicht auf neurologische Faktoren des Gehirns reduziert bzw. zurückführt, sondern Korrelationen zwischen neuronalen Netzen und Bewusstseinsprozessen als Zusammenspiel von Gehirn und Geist betrachtet. Es eröffnet sich zwar nicht unbedingt ein völlig neues Bild vom Menschen, aber die Einheit von Körper und Seele und vor allem ihr schöpferisches Zusammenspiel in der nie endenden Selbsterschaffung wird deutlich wie nie zuvor. Das Potenzial des Bewusstseins in seinen Qualitäten der Selbsttranszendenz, Präsenz, Resonanz, Integration und Transformation wird auch von den neueren Erkenntnissen der Neurobiologie gestützt.

Schlüsselworte: Bewusstsein und Gehirn, Präsenz und neuronale Integration, Resonanz und Spiegelneuronen, Plastizität des Gehirns, freier Wille, Neurobiologie und Psychotherapie

 

 

 

Einleitung

 

Im letzten Jahrzehnt hat die Neurobiologie wie kaum ein anderer Zweig der Humanwissenschaften einen enormen Zuwachs an empirischen Forschungsarbeiten und neuen Erkenntnissen zu verzeichnen. Nicht nur in den Fachzeitschriften, auch in populärwissenschaftlichen Magazinen, Wochenzeitungen und in der Boulevard-Presse erreichten die aktuellen Neuigkeiten aus der Gehirnforschung ein großes Publikum. In der Euphorie der Forschungslawine zu den neuronalen Grundlagen von psychologischen Prozessen mischen sich jedoch häufig auch erkenntnistheoretische Irrtümer hinein, so dass der Leser oft nicht mehr zwischen Fakten und weltanschaulich gefärbten Interpretationen der Forscher unterscheiden kann.

Die Neurowissenschaft gehört zu den Naturwissenschaften und neigt daher auch zu jener „Objektivitätsideologie“, die weltanschauliche oder philosophische Fragen gern ausklammert. Die impliziten, meist materialistisch bzw. biologistisch geprägten Weltanschauungen der Forscher kommen dann über die Hintertür in die Ergebnisauswertung. Bei den Interpretationen der neurowissenschaftlichen Befunde ist daher äußerste Vorsicht geboten. So liest man immer wieder von den „Illusionen“, die uns das Gehirn vorgaukelt (vgl. Roth, 2001), ohne die aber unser gesellschaftliches Zusammenleben kaum möglich und ganz bestimmt wertlos wäre: Komplexe Begriffe wie Verantwortung, Freiheit, Selbstbestimmung, Liebe, Wille, Ich und Du werden zu Illusionen, die uns das Gehirn im Laufe der Entwicklung unserer Spezies im Dienste der biologischen Selbst- und Arterhaltung entworfen habe. Es wird unterschieden zwischen einem realen, objektiven Gehirn und einem eher irrealen, subjektiv erscheinendem Bewusstsein als Nebenwirkung. Viel Achtsamkeit ist erforderlich, um hinter dem einheitlich erscheinenden Gewand modernster Forschung die tatsächlichen Befunde von den damit transportierten Menschen- und Weltbildannahmen zu unterscheiden. Achtet man jedoch auf diese Unterscheidung und liest auch Literatur von weniger materialistisch geprägten Gehirnforschern, so eröffnet sich eine enorme Chance für ein ganzheitlicheres, umfassenderes Verstehen unserer Leib-Seele-Einheit – die Chance einer echten Überwindung des Leib-Seele-Dualismus: Leib und Seele oder Gehirn und Geist zeigen sich in aller Deutlichkeit als verschränkte, untrennbare Wirklichkeiten, in denen sowohl subpersonale, personale und transpersonale Bewusstseinsprozesse zusammenfließen.

Vielleicht erscheint der Titel „Transpersonale Aspekte in der Neurobiologie“ zu gewagt. Denn sofort stellt sich die Frage: Kann „das Transpersonale“ denn überhaupt mit neurowissenschaftlichen Methoden erforscht werden? Ich möchte diese Frage zunächst einmal offen lassen. Wenn wir an den Forschungsgegenstand der Neurobiologie denken, kommen uns natürlich in erster Linie biologische Prozesse in den Sinn. Biologische Phänomene sollten dann auch der biologischen Ebene – dem Körper also – zugeordnet werden. Das Bewusstsein – sowohl die personale wie die transpersonale Dimension – gehört jedoch zu einer psychologischen Realität. Die biologische und die psychologische Begriffswelt sollte daher zunächst einmal sauber unterschieden werden, um erkenntnistheoretische Fehler zu vermeiden.

 

 

Erkenntnistheoretische Irrtümer

 

Einige der verbreitetsten erkenntnistheoretischen Irrtümer der Neurobiologie sind 1. die Verwechslung oder Vermischung von Bedeutungsebenen, 2. die unzulässigen Kausalinterpretationen in der Richtung eines biologistischen Determinismus, 3. der aus der Quantenphysik bekannte Versuchsleitereffekt und 4. die pseudo-kausalen Zirkelschlüsse, die letztlich ad absurdum führen.

1. Vermischung verschiedener Bedeutungsebenen: Übersehen wird die Tatsache, dass ein soziokulturell geprägtes begriffliches, denkendes und (mehr oder weniger) selbstreflektierendes Bewusstsein am Anfang, während und am Ende eines jeden wissenschaftlichen Experimentes steht. Es sind schließlich nicht die Neurone im Hirn, die Hypothesen formulieren, Tests planen, durchführen und interpretieren. Wenn wir also nicht dem erkenntnistheoretischen Irrtum der Vermischung zweier Bedeutungsebenen unterliegen wollen, müssen wir eine Bewusstseinsstruktur annehmen, die auf einer anderen Ebene funktioniert und anders organisiert ist als die einzelnen Neuronen. Es wäre absurd anzunehmen, dass die Neuronen kleine Wesen sind, die denken können, Experimente planen, durchführen und auswerten, um ihre eigene Existenz und Macht nachzuweisen, während das menschliche, sich selbst erkennende Bewusstsein eine bloße Illusion ist.

2. Unzulässige Kausalinterpretation im Sinne eines mechanistisch-materiellen Determinismus, demzufolge das Gehirn als höchste, letzte oder absolute Instanz alle physiologischen und psychologischen Vorgänge ausführt, steuert und kontrolliert.Beispiel: Roth negiert aufgrund seiner Beobachtungen die Entscheidungsfreiheit: „Wir sind ohnehin gar nicht frei, denn nicht wir entscheiden, sondern unser Gehirn entscheidet für uns, etwa dreihundert bis vierhundert Millisekunden, bevor wir das Gefühl haben, uns jetzt gerade zu entscheiden“ (Roth, 2001, S. 435). Fakt: Dass Bewusstseinsvorgänge nicht immer rational und wach-bewusst ablaufen, wissen wir seit Freud. Vor allem aber muss aufgrund der synaptischen Übertragungen im Gehirn sowieso von einer Verzögerung um Millisekunden in der bewussten (metakognitiven) Realisierung von kognitiven Prozessen wie Gedanken, Interpretationen, Intentionen und Entscheidungen ausgegangen werden. Ein Neurowissenschaftler hätte dies eigentlich wissen müssen und sollte dann bei dem entsprechenden Ergebnis nicht sonderlich überrascht tun, geschweige denn eine so haarsträubende Interpretation ableiten. Der Medizinprofessor Manfred Spitzer bemerkt dazu ganz recht: „Dass wir mit dem Erleben des Zeitpunkts um einen Augenblick daneben liegen, sollte uns nicht weiter stören und schon gar nicht zum Hadern mit unserer Freiheit Anlass geben“ (Spitzer, 2004, S. 308).

3. Der aus der Quantenphysik bekannte Versuchsleiter-Effekt: Je nach dem, was der Versuchsleiter zeigen will, beeinflusst er auch den Vorgang und das Ergebnis des Experimentes. Subjekt und Objekt sind nicht zu trennen. Der Versuchsleiter ist immer auch Teil des Experimentes und mit seinem Forschungsgegenstand untrennbar verbunden. Z. B. schlägt sich die Absicht des Wissenschaftlers bereits in der Testplanung nieder. Will er zeigen, dass alle Verhaltensweisen, Gefühle und Gedanken auf neuronale Faktoren zurückzuführen sind, wird er eine Versuchsanordnung wählen, die letztere als unabhängige Variablen und erstere als abhängige Variablen ausweist.

4. Die Zirkularität ad absurdum: In der ersten Phase der psychophysiologischen Forschung wurden den Hirnarealen aufgrund von gefundenen Korrelationen kognitive Funktionen und Bedeutungsinhalte hineininterpretiert. In der neueren Literatur (s.u.) liest man nun: Das Gehirn unterscheidet, erkennt, denkt, entscheidet, erzeugt Gefühle, usw.. Ich glaube folglich, etwas zu wollen, nur weil mein Gehirn mir etwas befiehlt, was ich dann auch tue. Hebe ich den Arm, weil das Gehirn will oder zufällig beschließt, dass ich den Arm hebe, oder leitet das Gehirn meinen Willensimpuls weiter an die Motorik? Ich gehe, weil mein Gehirn das Geh-Programm ausführt. Es führt das Geh-Programm aus, weil ich gehen will. Ich will gehen, weil mein Gehirn das Geh-Programm ausführt. So drehen wir uns mit einer Argumentation im Kreis wie bei der Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Für eine Übung im achtsamen Gehen ist es unerheblich, ob wir gehen und unsere Gehirne dabei irgendwie beteiligt sind oder ob die Gehirne uns gehen lassen und wir dabei den Eindruck haben zu gehen. Aus meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen: Wenn ich gehen will, dann gehe ich; wenn ich langsam gehen will, gehe ich langsam; wenn ich schnell gehen will, gehe ich schnell. Bis auf wenige Ausnahmen stelle ich fest: Was ich tun will, das tue ich auch, solange mein Körper dies ermöglicht. Und was ich tue, ist auch meistens genau das, was ich tun will, nicht immer, aber immer öfter.

Weitere Beispiele der zirkulären Argumentationsweise, wie die unten angeführten drei, sind mir sehr oft in der neurobiologischen Forschungsliteratur begegnet. Ich möchte die Namen dieser Autoren nicht nennen, da ich nicht die Absicht habe, sie bloßzustellen. Es geht mir nur um die Beispielhaftigkeit dieser zirkulären Logik:

  • Als angenehm empfundene Musik führt in unserem Gehirn zur Freigabe von Glücksbotenstoffen, die in uns positive Gefühle auslösen, so dass wir die Musik als angenehm empfinden.
  • Eine Frau, die von einem Mann als attraktiv wahrgenommen wird, setzt in dem Gehirn des Mannes Glückshormone frei, sobald sie ihn anschaut. Wenn sie ihn jedoch nicht anschaut, erlebt der Mann kein positives Gefühl, weil das Gehirn keine Glückshormone freisetzt. Aufgrund der Ausschüttung der Glückshormone erlebt der Mann beim Angeschautwerden von der Frau ein positives Gefühl und nimmt die Frau als attraktiv wahr.
  • Das Gehirn eines Depressiven neigt dazu, in einen depressiven Zustand zu kippen. Das Gehirn eines Nicht-Depressiven neigt viel weniger dazu, in einen depressiven Zustand zu kippen.

 

Gehirn und Bewusstsein

 

Vor allem müssen zwei Bedeutungsebenen unterschieden werden, die wir gemeinhin als Gehirn und Bewusstsein bezeichnen. Das Gehirn ist ein Teil des physischen Körpers, das Bewusstsein dagegen gehört zum seelisch-geistigen Bereich und bezeichnet etwas Immatrielles. Das Gehirn ist neuronal-biologisch organisiert, das Bewusstsein besteht dagegen aus psychologischen Strukturen und Funktionen. Zur Welt des Bewusstseins gehören Phänomene wie Wahrnehmen, Erkennen, Interpretieren, Bewerten, Vergleichen, analytisches und intuitives Denken, Vergessen und Verdrängen, Identifikation und Desidentifikation, introspektives, interpersonales und transpersonales Gewahrsein, und ein großes Spektrum an Bewusstseinszuständen, die noch wenig erforscht sind. Also müssen wir uns folgendes klarmachen: Das Bewusstsein nimmt bewusst wahr und erkennt, das Gehirn feuert während dessen. Das Gehirn kann nicht denken und das Bewusstsein nicht feuern. Das Gehirn kann nicht wahrnehmen, erkennen, empfinden, wollen, Entscheidungen treffen, handeln u.s.w., sondern lediglich auf neuronaler Ebene funktionieren, d. h. Neurotransmitter freisetzen, auf biochemische Signale mit biochemischen Prozessen reagieren.

Mit neuronalen Mechanismen lassen sich Bewusstseinsprozesse, psychologische, intentionale oder soziale Vorgänge nicht erklären, sondern lediglich auf einer biologischen Mikro-Ebene beschreiben und analysieren. Es gibt Korrelationen zwischen psychologischen und biologischen Prozessen. Erklärt werden kann damit nichts. Es handelt sich dabei immer noch um Beschreibungen von Prozessen, die auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig ablaufen. Deswegen sind solche Befunde jedoch nicht weniger interessant. Was wir dahinter erkennen, ist die Einheit von Körper, Seele und Geist oder Materie und Bewusstsein.

 

Neurobiologische Korrelate von Erfahrung

Auf dem Hintergrund unserer Erfahrung versehen wir gegenwärtig wahrgenommene Dinge und Ereignisse mit Bedeutung. Die Input- und Outputfasern des mittleren Präfrontalkortex ermöglichen kortikale Repräsentationen des autobiografischen Gedächtnisspeichers und sind dabei verbunden mit dem limbischen System, das mit seinem Feuerverhalten an der emotionalen Bedeutungsgebung beteiligt ist. Emotionale Bedeutung überträgt sich so von vergangenen Erfahrungen auf ähnlich wahrgenommene gegenwärtige oder antizipierte Situationen. Somit lassen sich Ängste, depressive Reaktionen und posttraumatische Syndrome als neuro-emotionale Konditionierungen verstehen, die sich sowohl durch neuronale Spuren wie auch durch lerntheoretische Prinzipien wie die klassische und operante Konditionierung aufrechterhalten und immer wieder reaktivieren. Die Vergangenheit verlängert sich auf diese Weise in die Gegenwart hinein. Die Gegenwart wird daher nicht als tatsächliche Gegenwart erfahren, sondern als Fortführung oder Wiederholung der Vergangenheit. In meinem transpersonal-behavioralen Modell habe ich diese Ebene von biografisch konditioniertem und neurologisch determiniertem Erleben und Verhalten als „erste Matrix“ bezeichnet (Piron, 2007). Es gibt auf dieser Ebene kein Bewusstsein von Selbstwirksamkeit, Entscheidungsfreiheit und Selbst-Verantwortlichkeit. Das subjektive Identitätsgefühl besteht lediglich in der Identifikation mit dem Produkt der biografischen Vergangenheit. Der Summe aller gewohnten Reaktions-, Wahrnehmungs-, Denk- und Erlebensmuster wird ein festes Ich-Konzept übergestülpt.

 

Neurobiologische Korrelate von Selbsttranszendenz

Wer bin ich denn anderes als der, der ich geworden bin? Bin ich nicht das Produkt meiner Vergangenheit? Wenn wir nach den neurobiologischen Korrelaten von Selbsttranszendenz fragen, müssen wir zunächst jene des „Selbstseins“ beleuchten. Wer bin ich, wenn ich mich mit keinem Selbstkonzept identifiziere, wenn ich einfach nur atme und offen, akzeptierend, wach oder mitfühlend bin? Die Überwindung – behavioristisch ausgedrückt „das Verlernen“ – von Angst hängt mit dem Wachstum der mittleren Präfrontalfasern zusammen, die unter anderem an bewussten Prozessen der Selbstregulierung und Angstbewältigung beteiligt sind. Auch auf neurologischer Ebene zeigt sich hier also ein Prinzip der Selbsttranszendenz, das C.G. Jung oftmals als „Überwachsen“ der eigenen Probleme bezeichnet hat. Wir wachsen über uns selbst hinaus, d.h. über unsere Problemzonen, über unsere Vergangenheit, über unsere Konditionierungsdramen, und mit unserer Selbsttranszendenz wachsen auch die mittleren Präfrontralfasern über sich selbst hinaus. Der mittlere Präfrontalkortex scheint auch für ein selbsttranszendentes Bewusstsein zuständig zu sein, das wohlwollend auf andere blickt und das größere Ganze im Sinn hat (Siegel, 2007, S. 71).

Interessant in Zusammenhang mit Selbsttranszendenz ist auch der Befund von Hölzl et al. (2007), der zeigt, dass fortgeschrittene Praktizierende der Atem-achtsamkeitsmeditation im Vergleich zu Nichtmeditierenden eine stärkere Aktivierung u.a. im mittleren Präfrontalkortex aufwiesen. Bei Achtsamkeitsmeditierenden (im Vergleich zu Nichtmeditierenden) konnte mittels Voxel-basierter Morphometrie außerdem eine größere Dichte grauer Substanz in der rechten anterioren Insula, im linken inferioren Temporallappen, im rechten Hippocampus und im medialen orbitofrontalen Kortex gefunden werden (Hölzl et al. 2008).

Ferner erscheinen für Selbsttranszendenz vor allem die Erkenntnisse der Neurodynamik relevant. Demnach besteht das Gehirn nicht aus feststehenden neuronalen Strukturen, sondern offenbart sich als ein sehr komplexes, offenes System, in dem ständig verändernde Feuermuster stattfinden und neue neuronale Verbindungen ermöglichen. Diese Befunde passen zu der Sichtweise der transpersonalen Psychologie, die das Bewusstsein als ein dynamisches Phänomen betrachtet, das viele unterschiedliche Zustände annehmen kann und eher einen fließenden als einen festen Charakter aufweist. Es gibt da kein festes Ich, sondern lediglich einen Bewusstseinstrom.

Wenn wir unter dem Begriff Selbsttranszendenz nicht nur das Transzendieren der biografischen Identität, sondern auch jenes der von der Umwelt getrennten verkörperten Persönlichkeit einbeziehen, kann die Neurodynamik auch hier einige interessante Entdeckungen beisteuern. Evan Thompson und Francisco Varela entwickelten ein dreidimensionales Modell des Bewusstseins, das sie wie folgt zusammenfassen: „Neuronale Prozesse, die relevant für das Bewusstsein sind, lassen sich am besten auf der Ebene großräumiger, kurzlebiger räumlich-zeitlicher Muster abbilden; die für das Bewusstsein entscheidenden Prozesse sind nicht an das Gehirn gebunden, sondern umfassen auch den in seine Umgebung eingebundenen Körper“ (zit. n. Siegel, S. 184). Die Trennungen zwischen Gehirn, Körper und Umwelt werden in diesem Modell überwunden. Die sensumotorische Kopplung zwischen Organismus und Umgebung sowie Zyklen interpersonaler Interaktion korrelieren mit bestimmten Feuermustern der so genannten „Spiegelneuronensysteme“. Diese zeigen die gleichen (oder zumindest sehr ähnliche) Aktivierungsmuster bei eigenen zielorientierten Handlungen wie bei bloßen Beobachtungen von gleichen Handlungen bei anderen Menschen. Die Spiegelneuronensysteme werden oft in Verbindung gebracht mit Mitgefühl, sozialer Verbundenheit, Resonanz und altruistischem Verhalten (vgl. Siegel, 2007).

 

Neurobiologische Korrelate von Präsenz

Der Zustand des Gewahrseins von Moment zu Moment, wie er vor allem in der Achtsamkeitsmeditation geübt wird, hängt mit einem Fluss schnell koordinierter, groß angelegter neuronaler Feuermuster zusammen (vgl. Freeman, 2000). Interaktive Gruppierungen neuronaler Netze erschaffen ständig neue lokale Muster chaotischer Aktivität, die über weite Strecken übermittelt werden und ein Gefühl der Präsenz von Moment zu Moment ermöglichen. Globale, räumlich-zeitliche Muster in jeder Hemisphäre seien nach Freeman die neurologische Entsprechung zur zielgerichteten oder konzentrierten Präsenz des Bewusstseinsstromes.

Daniel Stern (2003) geht davon aus, dass in einem gegenwärtigen Moment des Gewahrseins, den er mit einer Dauer von 5 bis 8 Sekunden versieht, zwischen 12 und 20 „Runden“ großer Aktivierungsmuster stattfinden. Die Aktivierungsmuster betreffen Empfindung, Beobachtung, Begriffsbildung und Wissen. Durch die schnelle Wiederholung bzw. das schnelle mehrfache Durchlaufen dieser Gruppierungen werde ein Gefühl der Kontinuität geschaffen.

Siegel sieht einen Zusammenhang zwischen einer achtsamen Präsenz und der Auflösung der großräumigen Gruppierungen der starren hierarchischen Schichten, in denen die rigiden Schemata des Interpretierens und Beurteilens angesiedelt sind. Es sei sogar möglich, restriktive Persönlichkeitsmuster durch Achtsamkeitspraxis aufzulockern oder gar zu transformieren (Siegel, 2007, S. 203). Siegel geht von einem sehr subtilen Bewusstseinsstrom aus, der nicht begrifflicher Natur ist, unterhalb der „hierarchischen Unterjochungen“ existiert und auf einen sehr tiefen Seinszustand verweist, den er auch als das „reine Selbstsein unserer Essenz“ bezeichnet (Siegel, 2007, S. 189). Das achtsame Gewahrsein von Präsenz würde jene Aspekte der „Frontal-Module“ davon abhalten, in die Gruppierungen permanenter bewusster Erfahrung einzugreifen. Achtsamkeitspraxis gewähre einen neuronalen Zugang zum direkten Erleben unterhalb der konstanten hierarchischen Einflüsse.

Ein hervorragendes neurologisches Korrelat für höchste Wachheit, Klarheit und konzentrierte Aufmerksamkeit ist nach Richard Davidson und Antoine Lutz die Oszillation von hochfrequenten Gammawellen (40-60 Hz), gemessen mit dem EEG. Die Gammawellenaktivität korrelierte sehr gut mit der subjektiven Einschätzung der meditierenden Probanden hinsichtlich der erfahrenen Tiefe und Klarheit im meditativen Zustand (vgl. Singer & Ricard, 2008, S. 67).

Ein anderes Kriterium für Präsenz ist die ununterbrochene Aufmerksamkeit. Als „attentional blink“ bezeichnet Ann Treisman die Unfähigkeit, schnell aufeinanderfolgende Eindrücke oder Informationen - in der experimentellen Anordnung waren dies Bilder - lückenlos wahrzunehmen. Bei sehr erfahrenen, tief meditierenden Mönchen zeigte sich kaum noch ein attentional blink im meditativen Zustand. Bei manchen fehlte er völlig (vgl. Singer & Ricard, 2008, S. 66.)

 

Neurobiologische Korrelate von Resonanz

Siegel postuliert einen „Resonanzschaltkreis“, der aus dem Spiegelneuronensystem, dem oberen Temporalkortex, der Inselrinde und dem mittleren Präfrontalkortex besteht. Dieser Resonanzschaltkreis ermögliche dem „Geist“, sowohl mit dem eigenen inneren Zustand wie auch mit jenem eines anderen Menschen zu „resonieren“. 

„Man hat gezeigt, dass die Resonanzschaltkreise nicht nur Intention kodieren, sondern dass sie auch grundlegend an der menschlichen Empathie und der emotionalen Resonanz beteiligt sind, die das Ergebnis der geistigen Einstimmung zweier Menschen sind“ (Siegel, 2007 S. 212).

Ferner kann auf neuronaler Ebene festgestellt werden, dass intrapersonale und interpersonale Resonanz sehr eng miteinander zusammenhängen: „(...) die mittlere Präfrontalaktivierung, die ein Gefühl von Selbst-Gewahrsein der mentalen Prozesse erzeugt, einschließlich der Selbstbeobachtung und der Metakognition; und vielleicht die mit den Spiegelneuronen verbundenen Schaltkreise und Mittellinien-Präfrontalsysteme (stehen) für ein Gefühl von Resonanz und Verbindung“ (Siegel, S. 186). Siegel folgert: „Beziehungserfahrungen fördern die Entwicklung der Selbstregulation im Gehirn. Wenn Achtsamkeit als sichere Beziehung zu sich Selbst angesehen wird, dann können wir auch davon ausgehen, dass diese Form der inneren Einstimmung ebenso die gesunde Aktivierung und das nachfolgende Wachstum derselben sozialen und selbstregulativen Präfrontalregionen fördert.“ (S.242)

Tania Singer und Rainer Goebel fanden bei buddhistischen Mönchen eine hoch differenzierte Fähigkeit, Areale im Gehirn zu aktivieren, die mit Mitgefühl in Verbindung stehen (Singer & Ricard, 2008, S. 70). Die buddhistische Meditation zur Evokation von Mitgefühl führte zu ausgesprochen starken Gammawellen-Peaks, die wiederum mit einer vorzüglichen Synchronisierung verschiedener Hirnareale in Verbindung stehen. Sogar exekutive Hirnareale, die für motorische Handlungsimpulse zuständig sind, wurden aktiviert. Dies zeigt, dass die Mitgefühlsmeditation keine theoretische Angelegenheit ist, sondern eine sozial altruistische Handlungsbereitschaft neurologisch vorbereitet und stärkt.

 

Neurobiologische Korrelate von Integration

Unter „neuronaler Integration“ versteht Siegel die Verbundenheit und das Zusammenwirken unterschiedlicher Neuronencluster zu einem größeren Ganzen. Neuronale Integration sieht Siegel als neurologisches Korrelat für Kohärenz des Geistes und Empathie in Beziehungen. „So können neuronale Integration, mentale Kohärenz und empathische Beziehungen als drei Aspekte der einen Realität des Wohlbefindens angesehen werden. Wir brauchen nicht zu versuchen, irgendeine davon auf die Form einer anderen zu reduzieren. Ob neuronal, subjektiv oder zwischenmenschlich – jede bildet eine gültige Dimension der Realität und kann nicht zu einer anderen vereinfacht werden“ (2007, S. 252).

Die Koordinierung der Aktivität weit verstreuter Gehirnareale und Bereiche des Körpers, die Steuerung der bewussten Aufmerksamkeit, ihre Verbindung mit emotionalen Erfahrungen und die Integration von vergangener Erfahrung steht in Zusammenhang mit den Präfrontalschaltkreisen. Ein solcher Prozess einer „intrapersonalen Einstimmung“, in dem die nahe Vergangenheit mit dem unmittelbaren Moment der Gegenwart abgeglichen wird, würde nach Siegel (S. 223) nur in paar Zehntel von Millisekunden in Anspruch nehmen. Subjektiv werde dabei ein Gefühl von mentaler Kohärenz erlebt. Die intrapersonale Einstimmung werde z.B. in der Achtsamkeitspraxis geübt, oder vielmehr finden in einer Achtsamkeitsmeditation unzählige intrapersonale Einstimmungen von Moment zu Moment statt. Die wiederholte Aktivierung eingestimmter Zustände in Bezug auf sich Selbst und in Beziehung zu anderen führt zu neuroplastischen Veränderungen mit der strukturellen Folge einer neuronalen Integration. Fazit: Achtsamkeit fördert auf Dauer die neuronale Integration.

 

Neurobiologische Korrelate von Transformation

Unter neuronaler Integration versteht Siegel einen optimalen Zustand des Erlebens, Wahrnehmens und Verarbeitens. Die Fähigkeit, momentane Präsenz zu erleben, ohne dass frühere Erfahrungen als hierarchische Cluster von oben eingreifen, kann geübt werden. Aber auch für Menschen, die nicht Achtsamkeitsübungen oder Meditation praktizieren, zeigt sich das Gehirn als lern- und entwicklungsfähig. Die Neuroplastizität ist ein allgemein anerkanntes Merkmal des menschlichen Gehirns. Sie ist das neurobiologische Korrelat für Transformation. Die neuronalen Vernetzungen können durch neue Erfahrungen entweder in ungeplanter Weise oder eben durch bestimmte evokative Übungen systematisch verändert werden. Wiederholte evokative Übung zur Steigerung der Bewusstseinsklarheit, der Präsenz- und Resonanzfähigkeit würde im Gehirn allmählich zu dauerhaften Veränderungen der organischen Struktur führen.

 

 

Gibt es einen freien Willen?

 

Die Frage nach dem freien Willen stellt sich Neurologen erneut. In der Psychotherapie, vor allem in der Verhaltenstherapie, arbeitet man an der Optimierung von Beeinflussungsmöglichkeiten. Da in der Psychotherapie die Aufmerksamkeit in erster Linie auf intrapsychische Prozesse gerichtet wird, geht es vor allem um die Optimierung von Beeinflussungsmöglichkeiten hinsichtlich der Motivationen, Gedanken, Gefühle und Handlungsweisen. Falls es keinen freien Willen gäbe, würde es wenig Sinn machen, sich mit Beeinflussungsmöglichkeiten zu befassen. Eher stoisch denkende Therapeuten wie z.B. rational-emotive Verhaltenstherapeuten würden vielleicht sagen: Wir können die Welt, die Menschen, die äußeren Dinge sowieso nicht ändern. Wir sollten sie vielmehr akzeptieren. Ändern können wir nur unsere Gedanken, unsere Interpretationen, Bewertungen, Philosophien, Überzeugungen. Aber auch diese Beeinflussungsmöglichkeit würde nicht mit der Negierung eines freien Willens vereinbar sein. Denn wenn wir keinen freien Willen hätten, könnten wir gar nichts ändern, noch nicht einmal oder erst recht nicht unsere Einstellungen. Psychoanalytiker der alten Schule würden dieser Ansicht vielleicht zustimmen, oder zumindest den Radius der freien Entscheidungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten als sehr gering, fast vernachlässigbar einschätzen. Aus ihrer Sicht können und sollten wir uns aber der inneren Vorgängen bewusst werden. Wir können bewusst beobachten, wie Impulse aus dem Es und Forderungen aus dem Über-Ich in der Mitte, dem Ich, zusammenprallen. Die Koordination und Integration von „Oben“ und „Unten“ benötigt aber auch einen freien Willen oder - anders ausgedrückt - eine freiwillige, d.h. bewusst gewollte Bereitschaft. Ohne diesen Willen würde auch der Patient eines Psychoanalytikers nicht zur Therapie kommen.

Falls aber jeder Mensch einen „wirklich freien“ Willen hätte, müsste dann nicht jede Psychotherapie innerhalb kürzester Zeit erfolgreich sein? Denn dann bräuchte der Therapeut den Patienten nur noch beraten, indem er ihm das notwendige Wissen zur Verfügung stellt, auf dass er es anwendet und wieder glücklich und gesund wird. Er würde bereits nach einigen Stunden wieder auf optimale Weise denken, fühlen und handeln. Ob er dann glücklich ist, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall könnte er sagen: „Was ich tue, will ich, und was ich will, tue ich. Ich bin ein freier Mensch.“ Ebenso müsste er immer mit seinen Gedanken, Worten und Gefühlen übereinstimmen, indem er diese als gewollt empfindet. Aber selbst wenn er mit einigen seiner Gedanken, Worte, Gefühle oder Handlungen im Nachhinein nicht übereinstimmt, sondern sich für eine Richtungsänderung entscheidet, macht er von seinem freien Willen Gebrauch. Wenn es also Momente gibt, in denen man seinen freien Willen nutzt und andere, in denen man einfach nur reagiert, müsste man dann nicht zu der Schlussfolgerung kommen, dass es den freien Willen als latentes Potenzial, als Möglichkeit zwar gibt, aber dieses aufgrund bewusstseinstrübender, hemmender, unterbewusster, konditionierter oder angstmotivierter Impulse manchmal nicht verfügbar ist?

Betrachten wir den freien Willen doch einmal weniger als etwas, das man entweder hat oder nicht hat. Diskussionen sind zwar immer dialektisch angelegt, im Sinne eines Entweder-Oder, evozieren aber auch gerade deswegen einen dritten Weg. Dieser dritte Weg kann ein „Sowohl-als-auch“, ein „Weder-Noch“, eine Synthese oder etwas ganz anderes sein. Ich plädiere für die dimensionale Lösung. Wenn man den freien Willen als ein Potenzial betrachtet, das es zu entwickeln gilt, ist er kein Ding mehr, das existiert oder nicht existiert, sondern eine qualitative Dimension. Wir kennen solche Dimensionen auch von anderen seelischen oder transpersonalen Qualitäten, die zu entfalten das Leben mit Sinn erfüllen: Liebe, Friedfertigkeit, Kreativität, Gerechtigkeit, innere Harmonie usw.. Auch diese Dimensionen werden manchmal als objektive Dinge missverstanden und dann entweder bejaht oder verneint. Da gibt es dann Befürworter, die z.B. sagen, Liebe ist überall, das ganze Universum ist Liebe, oder die desillusionierten Skeptiker, die eher sagen würden, Liebe sei eine Illusion, so etwas wie Liebe gäbe es nicht. Wenn wir aber anerkennen, dass Wille und Liebe, wie auch alle anderen Potenziale, einer Entwicklung, Reifung, Entfaltung und – aus psychotherapeutischer Sicht vor allem – einer Förderung bedürfen, um im gelebten Leben wirklich zu werden, also wirken zu können, personal, interpersonal und transpersonal, erscheint die Frage nach der Existenz eines freien Willens abgedroschen und langweilig.

 

 

Abschließende Betrachtung

 

Abschließend komme ich auf die Grundthese zurück, dass Neurobiologie zu einem ganzheitlicheren Verständnis des Menschen beitragen kann, wenn erkenntnistheoretische Irrtümer vermieden werden und Korrelationen lediglich als Korrelationen betrachtet werden. Dann eröffnen sich Zusammenhänge zwischen verschiedenen Beschreibungs- und Bedeutungsebenen. Neurologische und psychologische Prozesse finden parallel statt.

Die allgemein akzeptierte These lautet: Das Gehirn ist ein biologisches Korrelat zum Bewusstsein. Dies ist jedoch nur ein Teil der Wahrheit. Wir wissen heute, dass der ganze Körper ein Korrelat bzw. Träger des Bewusstseins ist. Und wir wissen auch, dass das Bewusstsein die Grenzen des Körpers transzendieren kann. Die neurobiologische Forschung kann uns sehr wertvolle, für die Psychotherapie und seelische Gesundheit relevante Befunde liefern. Wir können in optimistischer Weise in die Zukunft blicken und die bisher eher als esoterisch belächelten Ansätze der Meditation und Selbsttranszendenz in einem neuen Licht sehen. Es handelt sich bei den Bewusstseinsveränderungen der Selbsttranszendenz, im Sinne einer Erweiterung von Bewusstsein, Intensivierung von Klarheit und Präsenz, Steigerung der Resonanz mit sich selbst, der Umwelt und dem gesamten Leben, nicht um psychotische oder halluzinatorische Wahrnehmungserlebnisse, sondern um tatsächliche Veränderungen des Gehirns in eine sehr gesunde, wachstumsförderliche Richtung. Nach neurologischen Kriterien lässt sich ein gesunder Nutzen bewusstseinserweiternder Erfahrungen ableiten, der darin besteht, dass wir tatsächlich vergangene Erfahrungsspuren, die das Erleben und Verhalten in der Gegenwart extrem einschränken und psychische Krankheit erzeugen, überwachsen können. Wir sind nicht Sklaven unserer Vergangenheit, sondern schöpferische Mitgestalter unserer Zukunft. Wir können die Gegenwart auch als Gegenwart erleben und als potenzielle Zukunft nutzen, anstatt die Vergangenheit immer nur zu wiederholen (in Gedanken, Emotionen und Verhalten).

Es lässt sich eben nun vieles auch naturwissenschaftlich nachweisen, was vorher nur Gegenstand der Philosophie und Mystik war. Das Gehirn ist transparent geworden. Ich komme zurück zur Ausgangsfrage: Kann das Transpersonale mit neurowissenschaftlichen Methoden erforscht werden? Mir scheint, dass die Folgen transpersonaler Erfahrungen im Gehirn mit neurowissenschaftlichen Methoden erforscht werden können, nicht aber „das Transpersonale“ an sich. Auch wichtige Kriterien einer gesunden, förderlichen Verarbeitungsweise von neuen Erfahrungen des Bewusstseins jenseits der Vergangenheitsstruktur, jenseits der Persönlichkeit oder des Egos lassen sich auf neuronaler Ebene finden. So führte Siegel z.B. den Begriff der neuronalen Integration ein. Es handelt sich dabei jedoch nicht nur um reine Beschreibungen von neuronalen Prozessen auf der biologischen Ebene. Siegel füllt die neurologischen „harten Fakten“ in seiner Theorie der neuronalen Integration schon mit psychologischer und soziologischer Bedeutung. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass nicht die Neurone diese Bedeutung erzeugen, sondern das achtsamkeits- und einsichtsfähige Bewusstsein, das von Anfang an alle Forschung überhaupt erst möglich macht. So schlug er in seinem Vortrag 2003 in Köln auch vor, dass nicht das Gehirn den Geist erschafft, sondern der Geist sich selbst mit Hilfe des Gehirns, und zwar immer wieder neu.

Wir dürfen nicht den Kausalitätsirrtum begehen, zu denken, dass es die Neurone sind, die unsere kognitiven Vorgänge verursachen. Ähnliches gilt für die Gehirnwellenforschung, auf die ich hier weniger eingegangen bin. Theta- und Gammawellen können nicht als Ursachen meditativer Versenkungszustände angesehen werden, sondern lediglich als ihre Begleiterscheinungen. Viele Gehirnforscher sind der Meinung, das Bewusstsein sei lediglich eine subjektive Begleiterscheinung des Gehirns. Aus weniger materialistischer, eher transpersonaler Perspektive betrachtet scheinen mir die Gehirnveränderungen im Laufe der Evolution eher eine biologische Mitentwicklung der Bewusstseinsevolution zu sein als umgekehrt. Das „Transpersonale“ in dieser Bewusstseinsevolution wird sich mit Sicherheit niemals auf neurologische Denkmodelle reduzieren lassen oder durch sie vollständig erklärbar werden. Grundlegende philosophische Fragen wie „Warum gibt es überhaupt etwas wie Materie, Leben und Bewusstsein?“ können niemals erschöpfend auf naturwissenschaftlicher Ebene beantwortet werden.

Für „das Transpersonale“ gibt es keine lokale Zuordnung im Gehirn. Personale und transpersonale Wachstumsprozesse korrelieren möglicherweise mit neuen Verschaltungen, Vernetzungen und Wachstumsprozessen im Präfrontalkortex und Spiegelneuronensystem. Die Fähigkeit, sich seiner Selbst bewusst zu sein, Entscheidungen zu treffen sowie Wille, Weisheit und Liebe bei sich und anderen zu fördern, bleibt für mich weiterhin ein Geheimnis, ein Mysterium des Lebens, das ebenso unergründlich wie sinnerfüllend ist. Neurobiologische Fakten liefern keine objektive Ursachenbegründung, sondern nur Beschreibungen auf neuronaler Ebene. Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn, ähnlich wie ein Schiff Kielwasser hinterlässt. Die Kielwasserspur determiniert aber nicht die weitere Richtung, in die das Schiff fährt und ist auch nicht Ursache der Bewegung. 

 

 

Abstract: Limits and potentials of neuroscience in order to explore the human consciousness become discussed. Logical failures and confusions arising from separating the mind from the brain and from mixing different levels of reality. Neuroscientists with some transpersonal understanding do not reduce the human counsciousness to biological factors. They acknowledge correlations between biological, psychological and social processes as parts of the whole and form a holistic concept of consciousness. The potential of consciousness in its qualities of self trancendence, presence, resonance, integration and transformation can be supported by actual data in neuroscience.

Keywords: consciousness and brain, presence and neuronal integration, resonance and mirror neurons, plasticity of brain, free will, neurobiology and psychotherapy.

 

 

Literatur

 

Austin, J. H. (1998): Zen and the brain. Cambridge, MA: The MIT Press.

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Freeman, W. J. (2000): Emotion is essential to all intentional behaviors. In: Lewis, M. D., & Granic, I. (Hrsg.), Emotion, development, and self-organization: Dynamic systems approaches to emotional development. Cambridge University Press, S. 209-235.

Hölzl, B., Ott, U., Hempel, H., Hackl, A., Wolf, K., Stark, R., Vaitl, D. (2007): Differential engagement of anterior cingulate and adjacent medial frontal cortex in adept meditators and non-meditators. Neuroscience Letters, 421, 16-21.

Hölzl, B., Ott, U., Gard, T., Hempel, H., Weygandt, M, Morgen, K., Vaitl, D. (2008): Investigation of mindfulness meditation practitioners with voxel-based morphometry. Social Cognitive and Affective Neuroscience, 3, 55-61.

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